
Ansprache
SEV Kongress 2001 von Ständerat Ernst Leuenberger, Präsident SEV
Es gilt das gesprochene Wort.
Eine Standortbestimmung, die vorzunehmen ist, enthält notwendigerweise
viel Kritik, viele Bedenken, viele Ermahnungen. Ich möchte zu Beginn
meiner Ausführungen ganz einfach als täglicher Benützer des öffentlichen
Verkehrs danken. Danken den Angestellten im öffentlichen Verkehr für
ihre zuverlässige, unermüdliche Leistung, danken für ihre Freundlichkeit
in "kribbeligen Situationen", danken für ihren Kundendienst. Ich möchte
auch den Stolz wiedergeben, den ich mit den Angestellten im öffentlichen
Verkehr empfinde über das tolle schweizerische öV-System, das hochvernetzt,
gut geführt Tag und Nacht, Stunde für Stunde Top-Leistungen erbringt
dank einsatzfreudiger Menschen.
1. KTU
Im KTU-Bereich ist derzeit einiges in Bewegung. Generell ist zu sagen,
dass es uns stets klar war: Wenn die Bahnen in den Wettbewerb untereinander
geschickt werden, führt das ökonomisch notwendigerweise und unabwendbar
zu Konzentration, zur Bündelung der Kräfte. Dieser Prozess hat eingesetzt.
Der SEV hat stets festgehalten, dass für ihn Zusammenarbeit der Bahnen
und öV-Unternehmungen besser ist als der Verdrängungswettbewerb, der
Wettbewerb mit den ganz langen Messern. Die SEV-Gewerkschafter/innen
wissen nämlich, dass dieser "blutige" Wettbewerb die verdammte Tendenz
hat, auf dem Buckel des Personals durch Senkung der Personalaufwendungen
ausgetragen zu werden; vom drohenden Sicherheitsdumping gar nicht zu
reden. Ich nenne drei Projekte in diesem Bereich der Konzentration:
- BLS und SBB gehen eine Kooperation ein mit einigen Auswirkungen
auf das Personal. Soweit dieses Projekt zur Verstärkung der öV-Unternehmungen
und zu einer Verbesserung des öV führt, sagt der SEV JA dazu. Selbstverständlich
wacht der SEV mit Argus-Augen darüber, dass die Anstellungs- und Arbeitsbedingungen
für das Personal nicht verschlechtert werden.
- RBO: Das Zusammengehen von MThB und SBB hat uns eingeleuchtet.
SBB und MThB in einer RBO-Kooperation sind uns lieber als MThB in irgendwelchen
Vivendi-oder Connex-Händen. Trotzdem stellen sich die Eisenbahnerinnen
und Eisenbahner die Frage, weshalb es bei zwei Bahnen mit je einer ausgebauten
Infrastruktur noch eine dritte, komplett neue Organisation braucht.
Gute Kooperation sollte eigentlich genügen. In diesem Projekt hat es
die Projektleitung bisher schlicht noch nicht geschafft, das ganze Personal
davon zu überzeugen, dass nicht eine berufliche Deklassierung der Lokführer
geplant ist, sondern dass auch Lokführer durchlässig bei verschiedenen
Unternehmen eingesetzt werden können. Ich habe bisher immer geglaubt,
die neumodischen Manager hätten gelernt, Personal sei über "job enrichement"
beruflich zu motivieren. Die Lokführer in der Ostschweiz befürchten
nicht ohne Grund, das pure Gegenteil sei geplant. Nach der unseligen
Divisionalisierung des SBB-Personals folge nun perverserweise noch gleich
eine Subdivisionalisierung des Personals.
Wenn ich eingangs gesagt habe, dass ein Zusammengehen von MThB und
SBB mir in den Grundzügen logisch erscheint, so halte ich hier fest,
dass diese Zustimmung in Gegnerschaft umschlagen wird, wenn die Projektleitung
nicht subito eine kluge Regelung für den Personaleinsatz im Sinne des
erwähnten "job enrichement" findet. Wenn Herr Gauderon ums verr... eine
dritte Lokführer-Gewerkschaft will, wird er sie in der Ostschweiz geliefert
erhalten. Ich fordere die Leitungen von SBB und MThB auf, hier subito
eine reprise en main vorzunehmen, um das Projekt nicht auf Personalwiderstände
auflaufen zu lassen.
- SOB und BT fusionieren zu einer neuen SOB. Aus der Sicht
des vorher Gesagten kann der SEV nur gratulieren. Wenn es gelingt, auf
die gestellten Personalfragen befriedigende Antworten zu finden, kann
auch dieses Projekt begrüsst werden.
Diese drei Projekte zeigen eines mit nicht zu überbietender Deutlichkeit:
Wir brauchen im ganzen Normalspur-Bahn-Bereich möglichst harmonisierte
Anstellungs- und Arbeitsbedingungen. Ich fordere hier und heute die
SBB, die MThB, die SOB, die BT, die BLS, die RM auf, mit uns an einen
Tisch zu sitzen und über einen GAV Normalspurbahnen nachzudenken und
zu reden. Ich habe immer gehofft, die Initiative gehe vom VöV aus. Dieser
hat aber trotz seiner human resources-Kommission dazu bisher in allen
Landesprachen geschwiegen.
Während die Baumeister und selbst die Wirte im Schweizerland längst
begriffen haben, dass ein Branchen-GAV zur Verhinderung von Dumping-Wettbewerb
wesentlich beitragen kann, ist diese Erkenntnis im VöV noch nicht zu
voller Reife gelangt.
Ich bin damit beim VöV als Arbeitgeberverband. Am SEV-Kongress 1999
habe ich hier den Wunsch geäussert, der VöV möge eine auch juristisch
tariffähige Arbeitgeberorganisation werden. Der damalige VöV-Gastredner,
Herr Joss, hat mir daraufhin geantwortet, ich würde offene Türen zu
Kleinholz machen. Wohlan. Ich frage hier und heute abermals:
Ist der VöV willens und bereit, eine sozialverträgliche Marktordnung
im öV Schweiz schaffen zu helfen?
Ist er willens, ist er fähig dazu? Ist er tariffähig?
Wir hoffen es, im Interesse des öV Schweiz, der schweizerischen öV
Unternehmungen und ihres Personals. Dazu bieten sich einige Gelegenheiten:
- GAV in den Bereichen Normalspur-Bahnen, Bus etc. - Elemente einer
öV-Marktordnung im Eisenbahngesetz verankern bei Bahnreform II.
Zu den unterbrochenen Gesprächen über einen schweiz. GAV im Busbereich
kann ich nur sagen: so haben wir Personalorganisationen uns das eigentlich
nicht vorgestellt. Der VöV ist gefragt, seine Hausaufgaben zu machen
und mit verhandlungsfähigen Vorschlägen und einer entsprechenden Delegation
aufzuwarten.
Im Schifffahrtsbereich gibt es wegen der saisonalen Schwankungen echte
Probleme mit den Arbeitszeiten. Der SEV setzt darauf, dass in jedem
Fall partnerschaftliche Lösungen gefunden werden. Für den SEV ist auch
ein GAV Schifffahrt Schweiz nichts Jenseitiges, im Gegenteil.
Zur Sozialpartnerschaft im KTU-Bereich gehört selbstverständlich auch
der Eck-pfeiler Pensionskasse der ascoop. Eine gut geführte und erfolgreiche
Pensionskasse. Erwähnenswert ist die Tatsache, dass die PK des ascoop,
mit Ausnahme der Jahre ohne Teuerung, den Pensionierten immer Rentenzuschüsse
gewährt hat.
Es gibt auch ascoop-Gegner: Es wäre fatal, wenn einzelne, besonders
schlaue öV-Unternehmer sich ausserhalb der ascoop billige BVG-Minimum-Lösungen
suchen würden. Der SEV trägt die ascoop mit und ist der Grosszahl der
aufgeschlossenen öV-Unternehmen dankbar, dass sie ebenso loyal mittragen.
KTU-Löhne: Einige Delegierte aus dem KTU-Bereich werden sich fragen,
weshalb hier nicht auch von ihren Löhnen gesprochen wird. Die Antwort
ist einfach: Die Verhandlungen werden bei den KTU individuell pro KTU
geführt, die Forderungseingaben pro KTU durch die zuständigen Sektionsorgane
beraten und verabschiedet. Mit Sicherheit werden per 01.01.2002 bei
allen KTU Eingaben mit Personalpostulaten gemacht.
2. SBB
2.1. Unternehmenspolitik
Die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) gehören nicht dem Verwaltungsrat,
nicht dem uns so teuren SBB-Management, nicht einmal dem Bundesrat,
auch nicht dem Parlament. Die Schweizer Bahnen gehören dem Schweizer
Volk und niemandem sonst. Dieser Entscheid gilt seit 1898, als unter
dem Ruf "Die Schweizer Bahnen dem Schweizer Volk" die Verstaatlichung
der grossen Linien beschlossen wurde. Leider hat die SBB die Jahrhundertfeier
dieses grossen Volksentscheides 1998 schlicht verdrängt. Vielleicht
bereiten sie klammheimlich die 100-Jahr-Feier der Gründung der SBB im
Jahre 2002 vor. Der SEV würde gerne mitfeiern.
- Zur Bahnkonkurrenz-Situation habe ich mich schon geäussert RBO, SBB-BLS.
- Es bleibt in diesem Zusammenhang das zu erwähnen, was ich als englisches
Abenteuer der SBB bezeichne.
Die Klarstellung vorweg: Der SEV hat allfällige Grenzen in seinem
Denken längst gesprengt. Er sagt ja zu jeder vernünftigen und zukunftsweisenden
Bahnzusammenarbeit über die Landesgrenzen hinweg. Der SEV ist auch der
entschiedenen Meinung, es sei klug von den SBB, in England aus dem dortigen
Wildwest-Eisenbahn-Chaos zu lernen. Zu diesem Behuf ist es wichtig,
dass SBB-Leute in England und wo auch immer lernen. Trainingslager sind
wichtig, richtig und nötig. Allein: In England eine Eisenbahn kaufen,
das ist und bleibt aus SEV-Sicht so überflüssig wie Kropf. Im Übrigen
hat die SBB AG kein Geld dazu. Der Bund kann ihr und wird ihr auch nichts
zur Verfügung stellen wollen dafür. Ich habe die leise Hoffnung, dass
sich das Investitionsproblem der SBB in England schlicht von selber
löst. Neuerdings verlangen die Engländer, dass Bahnbetreiber auch in
die Infrastruktur investieren. Damit dürfte das englische Abenteuer
für die SBB AG beendet sein. Zu der cargo-Zusammenarbeit SBB-FS hat
der SEV von Anfang an deutlich JA gesagt. Der SEV will Güterverkehr
auf der Schiene, mehr Güterverkehr. Er will die Verlagerung von Güterverkehr
von der Strasse auf die Schiene. Der SEV - trotz grosser Bedenken in
breiten Kreisen der Mitgliedschaft - hat stets loyal mitgearbeitet an
diesem Projekt und tut es weiter. Wir haben im Hinblick auf das vielgelobte
joint venture SBB-FS sogar hingenommen, dass eine cargo SBB AG gebildet
wurde. Wir haben akzeptiert, dass für das cargo-Personal ein eigener
GAV nach OR und nicht nach BPG abgeschlossen wurde. Wir setzen allerdings
auf das Versprechen, dass jeder unternehmerische Schritt in diesem Projekt
mit uns auf die Personalverträglichkeit hin abgeklopft und auf Herz
und Nieren geprüft wird. Die cargo SBB AG gehört zur integriert geführten
Unternehmung SBB und wird dort als gewöhnliche Division geführt mit
SBB-harmonisierten Arbeits- und Anstelllungsbedingungen. Im Übrigen
hat die SBB cargo einen klar formulierten politischen Auftrag im SBB-Gesetz
und insbesondere im Verlagerungsgesetz. Die Ziele des Verlagerungsgesetzes
gelten selbstverständlich auch für die andern Bahnen.
Das neue SBB cargo-Konzept - mal abgesehen von der wenig erbaulichen
Personalverschiebung und Bürozügelei - führt mittelfristig zu einigen
gravierenden Personalproblemen im Tessin, in Chiasso ganz genau. Die
Cargo-Leitung kann sich nicht herausreden, das sei eine Sache von BF
und damit der Infrastruktur. Der SEV besteht auf sozialverträglichen
und personalverträglichen Ersatzlösungen im Tessin; und für diese hat
die integrierte Bahnunternehmung SBB AG gerade zustehen. Basta.
Die Auslagerungen müssen langsam ein Ende finden. Es ist aus Personalsicht
nicht einzusehen, was all diese Verwaltungsräte und Managements für
den öV letztlich bringen sollen, was in diesen Bereichen nicht ohnehin
getan werden könnte. Jedenfalls deutet die Auslagerungspolitik der SBB
nicht auf den Wunsch nach einer integrierten Bahnunternehmung hin -
im Gegenteil.
Mit Reorganisationen hat die SBB AG in den letzten Jahren sicher nicht
gespart. Weniger, aber dafür nachhaltiger reorganisieren wäre mehr gewesen,
hätte mehr gebracht. Der kluge Unternehmer reorganisiert doch so, dass
die Betroffenen eine minimale Chance haben, darin auch einen Nutzen
zu erkennen und nicht nur Bedrohung und Nachteile. Im Übrigen sind die
Eisenbahnerinnen und Eisenbahner glühende Anhänger sanfter Renovationen.
Die unglücklichste Umsetzung hat die sture Personalzuscheidung an die
Divisionen erfahren. Ich bin froh darüber, dass in den SBB-Zielen für
2001 steht, es gelte den divionsüberschreitenden Personaleinsatz zu
fördern. Das erweckt unser Wohlgefallen. Und: Dies wäre billiger zu
haben gewesen.
Wir hoffen auch, dass die SBB endlich auf die Devise einschwenken:
transportieren statt Büros und Personal zügeln. Die SBB sind eine Transportfirma,
nicht ein Zügelunternehmen.
2.2.Personal
Die beiden SBB-GAV sind seit 1.1.01 in Kraft. Einige Kinderkrankheiten
zeigen sich und müssen fachkundig gedoktert werden. Wir vom SEV sind
dabei. Die neugeschaffenen Personalkommissionen (PeKo) haben ihre Arbeit
aufgenommen. Sie sind daran, ihre Rolle zu finden. Der SEV wird den
PeKo jeden gewünschten Support geben und hat sich auf eine Top-Zusammenarbeit
eingerichtet. Der SEV hat die GAV-Verhandlungen in einer Verhandlungsgemeinschaft
mit den Verbänden transfair, Kaderverband und VSLF geführt. Ich danke
hier ausdrücklich für die loyale Zusammenarbeit, die nach allen Vorgeschichten
nicht ganz selbstverständlich war, namentlich: Mario Botta, Ueli Linsi,
Theo Marty.
Grosse Sorgen bereiten dem SEV die Unterbestände beim Personal. Das
Management hat zu lange sein Auge nur auf Personalabbau gerichtet und
die aus Personalkreisen erfolgten Warnungen überhört oder verdrängt.
Diese SBB funktionieren heute nur deshalb einwandfrei, weil tagtäglich,
Stunde für Stunde durch top-loyales Personal erheblich Mehrarbeit geleistet
wird, die weder selbstverständlich noch vertraglich geschuldet ist.
Übrigens: der SEV hat bisher noch nie eine Aufforderung an die Mitgliedschaft
erlassen, keine Mehrarbeit zu leisten. Das dürfte die Unternehmensleitung
gelegentlich auch anerkennen.
Die SBB tun gut daran, jenes Personal zu rekrutieren und gut auszubilden,
das für die Erreichung der verkehrspolitischen und damit unternehmerischen
Ziele nötig ist.
Die ungenügende Personalzufriedenheit muss die SBB-Leitung stark beunruhigen.
Das hochvernetzte, auf höchste Sicherheit ausgerichtete Bahnsystem kann
nur funktionieren mit Menschen, die immer und überall etwas mehr tun
als ihnen vorgeschrieben ist. Übrigens: Der SEV hat bei der Durchführung
der Umfrage über die Personalzufriedenheit nie irgendeine Empfehlung
abgegeben. Die Leute sind selber auf den Sprung gekommen. Auch diesen
Umstand dürfte die SBB-Leitung würdigen.
Dass das vertraglich ausgehandelte neue Lohnsystem so stark von Kinderkrankheiten
befallen ist, dass es per 1.1.02 nicht eingeführt werden kann, gehört
inzwischen zum Allgemeinwissen; selbst im Management. Der "malus" muss
weg. Ich bin überzeugt, dass auch die SBB-Leitung dieser Meinung ist.
Wir werden gemeinsam diesen Kinderkrankheiten zu Leibe rücken.
Ein Wort zu kommenden Lohnverhandlungen:
Die Forderungen des SEV liegen auf dem Tisch des Hauses. Sie sind durch
eine Indiskretion öffentlich geworden, bevor wir sie der SBB-Leitung
unterbreiten konnten. Wir werden uns bemühen, die Verhandlungen nicht
vor laufenden Kameras zu führen. Dabei sind aber beide Seiten gefragt.
Dass diese kommenden Lohnverhandlungen allerdings ein hohes öffentliches,
lies Medieninteresse auf sich ziehen werden, dafür hat der SBB-VR in
seiner Weisheit selber gesorgt, als er - resp. ein kleiner Ausschuss
unter Ausschluss der Personalvertreter - die Top-Kaderlöhne massiv erhöht
und gleichzeitig zur Geheimsache erklärt hat.
Diese Top-Kaderlöhne ärgern mich deshalb, weil sie Ausdruck eines ganz
neuen Denkens sind: Der SBB VR träumt von Marktlöhnen, jedenfalls begründet
er seine Haltung so. Was heisst das im Klartext: Bisher hatten die SBB,
die Post, die Bundesverwaltung, ja der ganze service public eine zusammengestauchte,
aber transparente Lohnskala. Zusammengestaucht heisst: - Zuoberst, verglichen
mit Marktlöhnen, etwas weniger. - Unten, verglichen mit Marktlöhnen,
etwas mehr als Sozialkomponente, als service public Standard.
Genau dieses System soll nun offenbar mit dem Ruf nach Marktlöhnen
aus den Angeln gehoben werden. Daher mein Ärger über Top-Kaderlöhne.
Die Erfinder haben nämlich die kleinen Löhne im Visier.
Der SEV wird diese Tendenz weiterhin bekämpfen.
Die kürzlich aus unerfindlichen Quellen publizierten SBB-Durchschnittslöhne
sind propagandistischer Mumpitz. Die SEV-Presse publiziert die richtigen
Zahlen. Der SEV ist nämlich für Lohn-Transparenz. Aber bitte korrekte
Zahlen.
Die Teuerung auf den SBB-Renten ist rechtlich verbrieft und anerkannt.
Nur mit der Bezahlung happert es noch. Bis Mitte Jahr muss dieses Problem
gelöst sein. Vielleicht überbringt uns heute Herr Weibel die frohe Botschaft.
Wir danken im voraus.
Die oben kritisch dargestellte Auslagerungspolitik der SBB AG veranlasst
uns dazu, nach Regeln für die Anstellungsbedingungen konzernweit zu
rufen. Wir brauchen klare Regeln für die SBB-Tochter- und -Beteiligungsgesellschaften.
Wir sehen eine vertragliche Rahmenregelung als Instrument. Wir glauben
gespürt zu haben, dass auch die SBB-Leitung in diese Richtung denkt.
3. Politik
3.1.Verkehr
In der Verkehrspolitik baut der SEV weiterhin auf den Fundamenten der
grossen verkehrspolitischen Volksentscheide von 1998, will heissen:
Schwerverkehrsabgabe (LSVA) und den richtungsweisenden Entscheidungen
zur Finanzierung des öffentlichen Verkehrs (FinöV); die Stichworte dazu
heissen: NEAT als Flachbahnen durch die Alpen, Bahn und Bus 2000, Lärmschutz
und Anbindung des Schweizer Bahnnetzes an die Internationalen Hochgeschwindigkeitsnetze.
Dazu kommt nicht minder bedeutungsvoll das Verlagerungsgesetz mit dem
klaren Ziel der Verlagerung von Güterverkehr von der Strasse auf die
Schiene. Das Verlagerungsgesetz muss der Verwirklichung der Umsetzung
des Alpenschutzartikels von 1994 (Alpeninitiative) dienen. Das Verlagerungsgesetz
-getragen vom Bundesrat und den beiden Parlamentskammern, beschlossen
von der klaren Mehrheit von Volk und Ständen - muss nun umgesetzt werden.
Dafür steht der SEV, dafür stehen die Angestellten im öffentlichen Verkehr.
Und unsere verkehrspolitischen Gegner müssen es wissen, diese Erfolge,
errungen in einer Koalition der politischen Vernunft, lässt sich der
SEV nicht abkaufen oder abhandeln. Dieser SEV hat 1996 erklärt - und
die Erklärung gilt immer noch - , er würde im äussersten Konfliktfall
vor einer Blockade der Gotthardautobahn nicht zurückschrecken. (Vorläufig
ist das gar nicht nötig, weil die Lastwagen die Autobahn ungewollt selber
blockieren, und damit unbeabsichtigt die Notwendigkeit der Verlagerung
selber fast täglich demonstrieren.)
Diese Staugeschichte kann, abgesehen von Massnahmen am Zoll, nur gelöst
werden durch die Verlagerung. Ein gutes Bahnangebot tut not. Dass der
SEV eine Aufhebung oder auch nur eine Lockerung des Nacht- und Sonntagsfahrverbots
für Camions als Kampfansage betrachten würde, versteht sich von selbst.
Damit ist auch gesagt, dass die Avanti-Initiative für den SEV
und seine Verbündeten in den Umweltverbänden keine akzeptable Lösung
ist. Im Gegenteil, der Ausbau des Autobahnnetzes und eine zweite
Gotthardstrassenröhre würden nur noch mehr Verkehr anziehen und zu noch
mehr Staus führen. Letztlich ist Avanti der Versuch, die verkehrspolitischen
Entscheide von 1994 (Alpeninitiative) und von 1998 (LSVA und FinöV)
sowie das Verlagerungsgesetz aus den Angeln zu heben. Avanti ist damit
zu unserer ganz grossen Herausfoderung geworden. Wir werden diesen Kampf
gewinnen, gewinnen müssen.
Die Bahnreform II wird derzeit vorbereitet. Ich betone, dass der SEV
die Bahnreform I loyal mitgetragen hat. Bekanntlich brachte diese Reform
eine weitgehende Entschuldung der SBB, aber auch ein neues Personalstatut
und den nicht sonderlich geliebten open access. Die kommende Bahnreform
II wurde bisher immer als Weiterführung und Nachbesserung der Bahnreform
I dargestellt. Es war die Rede davon, die KTU gleich zu behandeln wie
die SBB. Es war die Rede von KTU-Sanierung, von Sanierungen von KTU-Pensionskassen,
von der Gleichstellung von SBB und KTU in der Infrastrukturfinanzierung.
Diese Zielsetzungen schienen und scheinen auch dem SEV vernünftig, angebracht,
ja nötig.
In letzter Zeit häufen sich die Anzeichen dafür, dass eine weitere
zentrale Frage für die Bahnen in dieser Bahnreform II thematisiert werden
soll: Es ist zunehmend die Rede von einer kompletten rechtlichen Trennung
von Infrastruktur und Verkehr bei den Bahnen. Wir glaubten bisher, England
habe dieses Muster so perfekt durchgeführt mit den allgemein bekannten
katastrophalen Folgen für den service public Eisenbahn, dass kaum ein
vernünftiger Mensch mehr auf die Idee käme, an diesem Faden weiter zu
spinnen. Allein, vor Kurzem trat der dt. Verkehrsminister mit "England-ähnlichen"
Vorschlägen an die Öffentlichkeit, was nicht nur die DB, sondern auch
unsere Freunde von der Gewerkschaft transnet, ehemals GdED, auf die
Barrikaden trieb. Ihre Aktion hatte Erfolg: Der dt. Bundeskanzler soll
seinen kecken Verkehrsminister zurückgepfiffen haben. Wir wünschen jedenfalls
unseren deutschen Kolleginnen und Kollegen viel Erfolg. Dies auch aus
Eigennutz: Die Bahngeschichte lehrt uns: Wenn die Deutschen hüsteln,
haben einige Schweizer Technokraten hohes Fieber.
Glücklicherweise hat der Informationsdienst öffentlicher Verkehr LITRA
unter der Federführung von Tony Lüchinger mit einem anfangs Mai 01 publizierten
Argumentenkatalog "Die Vorteile der integrierten Bahn" hervorgehoben
.Der SEV ist Mitglied bei LITRA und trägt deren Argumentation gegen
die Zerschlagung der Schweizer Bahnen voll mit und wird - glücklicherweise
diesmal Arm in Arm mit den Schweizer Bahnunternehmungen - diese verhängnisvolle
Entwicklung bekämpfen. Eine solche Bahnreform II können wir schlicht
nicht brauchen: Der service public Bahn kann nur hoch vernetzt funktionieren
und braucht eine integrierende Führung.
Aus SEV-Sicht muss diese kommende Bahnreform II auch einen nachhaltigen
Beitrag zu einer vernünftigen Marktordnung im öffentlichen Regionalverkehr
Schweiz leisten. Wir erinnern uns, für den Fall der Konkurrenz über
den freien Schienenzugang enthält das geltenden Eisenbahngesetz Schutzklauseln,
die Bahnwettbewerb über Sozialdumping und Sicherheitsdumping verhindern
sollen. In der kleinen Bahnreform per 1.1.1996 ist aber versäumt worden,
bei den möglichen Ausschreibungen im regionalen Personenverkehr Elemente
einer solchen Marktordnung einzuführen. Der SEV besteht darauf, dass
die Bahnreform diese Korrektur leisten muss.
Der SEV freut sich über den Bericht der Arbeitsgruppe von Ständerat
Peter Bieri, LITRA-Präsident, über den Agglomerationsverkehr. Die SEV-Kolleginnen
und Kollegen, die in dieser Sparte etwa als Bus- und Tramfahrer/innen
tätig sind, können versichert sein, dass der SEV sich mit aller Kraft
hinter die zukunftsweisenden Vorschläge dieser Arbeitsgruppe stellen
und sich auf politischer Ebene für deren Umsetzung stark machen wird.
Leider plagen unsere Kolleginnen und Kolleginnen, die im regionalen
Personenverkehr tätig sind, zunehmend die Auswirkungen des Opfers, das
unverständlicherweise von VöV und SBB am "runden Tisch" über die Sparübungen
beim Bund gebracht worden ist. Ich kann VöV und SBB den Vorwurf nicht
ersparen, dass sie den damals gemachten Versprechungen der Kantone auf
den Leim gegangen sind. Die Kantone köderten VöV und SBB mit der Zusage,
sie würden den Ausfall von Bundesbeiträgen wettmachen. Die Wirklichkeit
sieht erheblich anders aus, in einigen Kantonen sind die KTU kaum in
der Lage, den Teuerungsausgleich zu zahlen. Die Kaufkraft der Löhne
ist dort klar in Gefahr. Der SEV ist bereit, zusammen mit den Verkehrsunternehmungen
bei Kantonen und Bund in dieser Sache vorstellig zu werden und für hinreichende
Beiträge an den regionalen Personenverkehr zu kämpfen. Der neue Finanzausgleich
(NFA) lässt noch auf sich warten. Die am öffentlichen Regionalverkehr
Interessierten haben auch dieses Thema mit grösster Aufmerksamkeit zu
verfolgen. Ursprünglich war nämlich in diesem Projekt vorgesehen, die
Bundesbeiträge an den regionalen Personenverkehr von heute durchschnittlich
68 auf 50% zu kürzen.
Viele Eisenbahner/innen haben erwartungsfroh auf die Wiederinkraftsetzung
der Verkehrstrennungsverordnung gewartet. Leider hat der Bundesrat den
gegenteiligen Beschluss gefasst. Auch hier sind wir vom SEV bereit,
zusammen mit dem VöV erneut politisch auf den Bund einzuwirken.
Der SEV als Gewerkschaft - getreu seiner erfolgreichen Tradition -
wird auch weiterhin für bessere Rahmenbedingungen des öffentlichen Verkehrs
kämpfen. Die SEV-Mitgliedschaft hat in den letzten Jahren bewiesen,
dass sie dafür viel Zeit, grosse Anstrengungen, aber auch erhebliche
Geldmittel einzusetzen bereit ist. Wenn die Unternehmensleitungen auch
diese SEV-Leistung gelegentlich etwas würdigen, freut uns das.
3.2. Sozialpolitik
Die 11. AHV-Revision ist in der parlamentarischen Beratung. Wir erinnern
uns, worum es gehen sollte bei dieser Revision: flexibles Rentenalter
auch für kleine Rentenbezüger/innen, Sicherung der Finanzierung durch
MWST-Erhöhung. Der Nationalrat hat kürzlich beschlossen, bei dieser
Revision gewaltig zu sparen: Erhöhung des Rentenalters für Frauen auf
65; Einschränkungen der Witwenrente; früheres Rentenalter nur mit gewaltigen
Rentenkürzungen. Aus gewerkschaftlicher Sicht vermag dieses Resultat
nicht zu befriedigen. NR Paul Rechsteiner; Präsident des SGB, wird dazu
sicher noch etwas sagen.
3.3.Finanzpolitik
In der helvetischen Finanzpolitik tun sich sonderbare, aber nicht ganz
unbekannte Dinge. Erste Einnahmenüberschüsse des Bundes nach einer langen,
krisenbedingten Defizitphase führen nicht etwa zu Schuldentilgung, sondern
zu bürgerlich diktierten Steuersenkungen für Reiche. Glücklicherweise
hat die SP Schweiz ein Gegenkonzept entwickelt zu den bürgerlichen Steuersenkungsplänen.
Wenn schon Steuersenkungen, dann bitte für wirklich alle; auch für jene,
die gar keine Bundessteuer zahlen müssen, weil sie so kleine Einkommen
haben. Der SEV ist froh über diesen Gegenvorschlag der SP; und ich halte
fest, dass für uns die SP immer noch die am wenigsten schlechte Partei
ist.
4. SEV
Etwas über den SEV:
Wir pflegen intensive internationale Beziehungen. Das tut not.
Wir haben institutionalisierte Partnerschaften im Vierländertreffen
mit transnet, GdEOe, mit den Luxemburger Eisenbahnern.
Wir treffen regelmässig die massgebenden französischen Gewerkschaften
CGT, CFDT, FO.
Wir sprechen joint venture bedingt mit den italienischen Gewerkschaften
CGIL, CISL und UIL.
SBB-England verursacht haben wir Kontakte geknüpft zur englischen RMT.
So ein bisschen nach dem Motto in der Geschichte vom Hasen und vom Igel:
Ich bin allhier.
Der SEV ist nach wie vor in recht schwierigen Gesprächen mit den befreundeten
Gewerkschaften Kommunikation und VPOD über enge Verbandszusammenarbeit
bis hin zu "Hausbau" und Fusion.
Der SEV pflegt enge Zusammenarbeit mit Verbänden des öV. Dazu gehört
sicher der VöV in seiner Eigenschaft als Interessenvertretung des öV.
Bei LITRA sind wir dabei. Wir sprechen uns ab mit dem Verein Alpeninitiative,
dem VCS, dem wwf usf.
Der SEV versteht sich als tragende Säule im SGB und arbeitet im FöV
mit.
Wir sind Mitglied in der ITF und ETF.
SEV-intern denken wir über neue Strukturen nach. Nachdem unser Umfeld
umgepflügt worden ist und weiter beackert wird, haben wir gar keine
andere Wahl.
Dabei stellt sich die Frage nach Umfang und Aufgaben der 10 Unterverbände.
Besonders dringend muss diesen Fragen bei den 8 Unterverbänden des aktiven
SBB-Personals nachgegangen werden.
Wir sind konfrontiert mit der Frage der Regionalisierung unseres Verbandssekretariats.
Wir suchen neue Leitungsstrukturen.Die Gewerkschaftliche Abteilung
soll sofort eine breitere Leitung erhalten. Die Statutenanträge dazu
liegen auf dem Tisch.
Dass die rückläufigen Mitgliederzahlen - bedingt durch den massiven
Personalabbau bei den Bahnen - uns Sorge bereiten, ist wohl klar. Die
gewerkschaftlichen Aufgaben nehmen vorläufig nicht ab, sondern eher
zu. Die finanziellen Mittel allerdings gehen zurück. Auch die Gewerkschaft
ist keine Kuh, die im Himmel gefüttert wird und auf Erden gemolken werden
kann. Weil wir die Mitgliederbeiträge nicht beliebig erhöhen können,
wollen und dürfen,
- bleibt uns der Ausweg über mehr Mitglieder, was bei einem sehr hohen
Organisationsgrad nicht besonders einfach ist. Übrigens: Mitgliederwerbung
ist beim SEV auch Chefsache: jeder UV-Präsident, jeder und jede Sektionspräsidentin
ist mir persönlich verantwortlich für einen angemessenen Werbeeinsatz.
- Es bleibt der Ausweg, Synergiennutzung über verbandsübergreifende
Zusammenarbeit;
- Es bleibt der Ausweg, neue Bereiche zu erschliessen:
Der SEV hat mit der Crossair-Personalorganisation GATA vertraglich
Zusammenarbeit in GAV-Fagen vereinbart.
Der SEV ist noch Vertragspartner bei ATAG debis für die ausgesourcten
SBB-Informatik-Leute
Der SEV ist Vertragspartner für Krankenkassenangestellte (SBB-Krankenkasse)
Der SEV ist Vertragspartner bei einer Pensionskasse (PK SBB)
Der SEV will Vertragspartner werden bei einer Bauplanungsfirma (ATG)
- Der SEV will Vertragspartner werden bei securitrans
Der SEV will Vertragspartner werden bei Mitropa. Der Schlüssel zur
Problemlösung liegt hier bei den SBB.
Der SEV beschreitet auch andere Wege:
Mit GBI zusammen haben wir einen Verein "Strassentransport" gegründet
mit dem Ziel abzuchecken, wie in der Schweiz den Angestellten im Strassentransport,
Schwerpunkt Strassen-Gütertransport, zu akzeptablen Arbeitsbedingungen
verholfen werden kann. Einige träumen in diesem Zusammenhang von einer
grossen und umfassenden Transport-Gewerkschaft.
Konkret und unmittelbar geht es darum, bessere Arbeitsbedingungen
im Strassen-Gütertransport anzustreben. Ich halte mich dabei an die
Devise: Wer sich nicht für bessere Arbeitsbedingungen im Strassentransport
einsetzt, darf sich nicht wundern, wenn die Arbeitsbedingungen im öV
erodieren. Die Löhne der Eisenbahner werden letztlich durch den Strassen-Güterverkehr
auf der Gotthardautobahn mehr beeinflusst als durch andere Faktoren.
Ich schliesse damit, dass ich erneut bekräftige, die politischen Weichen
für eine gute Bahnzukunft, für eine gute Zukunft des öV sind richtig
gestellt. Sorgen wir dafür, dass der verkehrspolitische Zug nicht auf
halbem Weg gestoppt wird durch Avanti und andere unnütze Übungen. Ein
starker SEV, getragen von Eisenbahnerinnen und Eisenbahnern, von Bus-Angestellten,
von Angestellten der Schifffahrt, von Angestellten der touristischen
Bahnen, mitgetragen von Verbündeten im Luftverkehr ist ein Garant für
anständige Arbeitsbedingungen im öffentlichen Verkehr. Genau diese Arbeitsbedingungen
führen letztlich zu top motiviertem öV-Personal und damit zu gewohnt
hoher Qualität im service public "öffentlicher Verkehr". Bern, 31. Mai
2001
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